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Auf den schönen Seen um Mirow

von Thomas Osteroth

8. Oktober 2012

Als vor gut 10.000 Jah­ren die dicken Glet­scher der letz­ten Eis­zeit kapi­tu­lier­ten und wider­stre­bend den Rück­zug nach Nor­den antra­ten, haben sie ein sanft hüge­li­ges Flach­land mit einer Unzahl von klei­nen und grö­ße­ren Seen zurück gelas­sen. Lang­sam rück­te dann auch eine dem san­di­gen Boden angepaß­te Vege­ta­ti­on mit schö­nen Misch­wäl­dern nach und schon ließ auch der Mensch nicht lan­ge auf sich war­ten. Der fand die­se sanft hüge­li­ge Land­schaft dann zwar auch recht schön, aber auf die Dau­er eben doch nicht schön genug, denn irgend wann begann er, die vie­len Seen und schma­len Flüs­se durch Kanä­le zu ver­bin­den, neue Seen auf­zu­stau­en und den Was­serhaushalt durch Schleu­sen zu regu­lie­ren. Der guten Ord­nung hal­ber brauch­te die­ses Gebiet jetzt natür­lich auch noch einen Na­men und irgend wie einig­te man sich da auf die Bezeich­nung „Meck­len­bur­gi­sche Seen­platte“, einem Begriff, bei des­sen Nen­nung heu­te jedem alten Wan­der­ru­de­rer sofort das Herz höher schlägt.

In einer der schöns­ten Ecken eben die­ser „Meck­len­bur­gi­schen Seen­plat­te“ liegt am süd­li­chen Ende des lang gestreck­ten Miro­wer Sees das klei­ne Städt­chen Mirow mit Schloß­kir­che, Schlo­ß­in­sel und einem gast­freundlichen Ruder­ver­ein, bei dem unse­re Fahr­ten­lei­te­rin Gise­la zwei Boo­te für unse­re zwei­tä­gi­ge Fahrt bestellt hat, die jetzt als C‑Doppelvierer „Preetz“ und „Mirow“ – mit recht schwe­ren Holz­sku­lis bestückt – am Steg vor sich hin düm­peln und auf ihre Mann­schaf­ten war­ten. Der Him­mel zeigt sich in einem sehr freund­li­chen blau, über den nur hin und wie­der ein klei­nes wei­ßes Wölk­chen treibt – wir sind also mit dem Wet­ter zufrieden.

Den Mirower See ver­las­sen wir in Rich­tung Süden zum Zot­zen­see, der wiede­rum an den schlauch­ar­ti­gen Mös­sen­see anschließt. Zu bei­den Sei­ten brei­tet sich, durch­zo­gen von klei­nen und kleins­ten Was­seradern, ein grü­ner Sumpf mit üppi­gen Farn­wäl­dern. Auf frü­he­ren Fahr­ten konn­te man hier gro­ße Schwär­me von bun­ten li­bellen auf Part­ner­su­che beob­ach­ten – aber ent­we­der war das alles schon vor­bei, oder es war ihnen noch nicht danach.

Wir rudern jeden­falls – ent­ge­gen mei­nem immer wie­der beschei­den geäu­ßer­ten Vor­schlag, doch auf dem Vilz­see lie­ber in Rich­tung Flee­ter Müh­le abzu­bie­gen (weil sehr viel schö­ner!) – wei­ter zur Schleu­se Diemitz, die aller­dings von einer Unmen­ge schleu­sungs­wil­li­ger Motor­boo­te und an­deren Klein­fahr­zeu­gen bela­gert wird. Wir zäh­len allein elf gro­ße Motor­boo­te, von denen immer nur drei pro Schleu­sung ab­gearbeitet wer­den kön­nen. Ein etwas ma­thematisch bewan­der­tes Mit­glied unse­rer Mann­schaft errech­net eine theo­re­ti­sche War­te­zeit von wenigs­tens 1 1/2 Stun­den für unse­re bei­den Boo­te, die wir natür­lich an­derswo weit bes­ser ver­brin­gen könn­ten. Und hier kommt nun wie­der – als hät­te man es nie anders vor­ge­habt – mein Vor­schlag „Flee­ter Müh­le“ ins Gespräch. Über den gewun­de­nen, schilfüber­wach­se­nen, sehr roman­ti­schen Müh­len­ka­nal nähern wir uns der Umtra­ge­stel­le, fin­den den Landungs­steg frei und dar­über hin­aus noch einen freund­li­chen und kräf­ti­gen jun­gen Mann, der uns beim Umtra­gen des Gepäcks und der Boo­te behilf­lich ist. Wir wün­schen ihm und sei­ner gedul­di­gen Part­ne­rin dank­bar eine gute Fahrt und tref­fen auf der ande­ren Sei­te der Umtra­ge­stel­le dann auf das genaue Gegen­teil die­ses freund­li­chen Men­schen. Auf unse­re freund­lich vor­ge­tra­ge­ne Bit­te, mit sei­nem Pad­del­boot ein wenig auf die Sei­te zu rücken, ent­geg­net er muf­fig, er wäre hier um Urlaub zu machen und nicht um zu arbei­ten. Natür­lich, da hät­ten wir ja auch selbst drauf kom­men können.

Der obe­re Teil des alten Müh­len­gra­bens nimmt uns auf. Durch ein dich­tes Blätter­dach zau­bert die Son­ne glit­zern­de Licht­kringel auf die hier grün erschei­nen­de, ru­hige Was­ser­ober­flä­che, Schilf­roh­re bie­gen sich sach­te unter unse­ren bei nicht ein­mal Vier­tel­fahrt vor­sich­tig gehand­hab­ten Skulls.

Wir haben nun den für Motor­boo­te ge­sperrten Rätz­see erreicht und sind hier ein­stimmig der Mei­nung, dass wir uns nach der anstren­gen­den Umtra­ge­ar­beit jetzt auch mal eine klei­ne Pau­se ver­dient haben. In unse­rem Boot kreist dar­auf hin eine Fla­sche „Uti­el-Re­­quena-Eco­lo­gi­co“ aus den Ber­gen nörd­lich von Valen­cia. Die­ser Name ist natür­lich nur durch den Zusatz: „Aus bio­lo­gi­scher Herstel­lung“ zu ent­schul­di­gen. Das Gan­ze ist dann ein Wein vom Jahr­gang 2011, nennt sich tro­cken, soll nach rei­fen Him- und Brom­bee­ren schme­cken und kommt trotz­dem gut an.

Der stil­le Rätz­see ent­lässt uns dann in den Dro­se­dower Bach, der aller­dings kaum Ähn­lich­kei­ten mit einem Bach vor­wei­sen kann, son­dern eher einem schma­len Flüss­chen gleicht, wel­ches auf bei­den Sei­ten von feuch­tem Sumpf und tie­fem Erlenbruch­wald beglei­tet wird.

Es fol­gen der Gobe­now­see und schließ­lich auch der Labus­see, an des­sen lin­kem Ufer wir eine Gast­stät­te erken­nen, in der wir unser bei die­sem war­men Wet­ter sicher nicht uner­heb­li­ches Flüs­sig­keits­de­fi­zit aus­gleichen können.

Nach­dem wir unse­rem ers­ten Schleu­sengang durch die Diemit­zer Schleu­se am Vor­mit­tag so geschickt aus­ge­wi­chen sind, müs­sen wir jetzt mit unse­ren Boo­ten aber doch durch eben die­se Schleu­se, wenn wir zurück nach Mirow wol­len. Dies­mal aller­dings von der ande­ren Sei­te – und da ist über­ra­schen­der­wei­se über­haupt nichts los. Wir las­sen uns also etwa 1 1/2 Meter in die Tie­fe sin­ken und haben damit die Po­sition erreicht, an der wir heu­te Vor­mit­tag schon ein­mal gele­gen haben. Jetzt sind es nur noch lum­pi­ge acht Kilo­me­ter bis in den Hei­mat­ha­fen, aber die­se acht Kilo­me­ter ent­wickeln sich zu einem „Brü­cken-Mar­ty­ri­um“ für unse­re Dag­mar. Doch dar­über woll­te sie wohl sel­ber etwas schreiben.

Bei­de Boo­te lie­gen für die Nacht wie­der in den Böcken und nun gilt es, unse­re Unter­kunft zu fin­den, was sich als recht ein­fach her­aus­stellt. Etwas schwie­ri­ger wird es dann aber am, bzw. im Haus, denn kei­ner unse­rer vie­len Schlüs­sel scheint für die Haus­tür zustän­dig zu sein. Hier hilft uns dann ein Mie­ter des Hau­ses, den wir durch beharr­li­ches Klop­fen ans Fens­ter bekom­men haben. Ins Haus haben wir es nun zwar end­lich geschafft, aber wo sind jetzt unse­re Apart­ments? Auch hier sind wir wie­der auf die freund­li­che Hil­fe von Mie­tern ange­wie­sen, bei denen wir ganz plötz­lich und unan­ge­mel­det mit­ten im trau­ten Wohn­zim­mer erschei­nen. Nach­dem wir dann aber end­lich auch die­se Hür­de genom­men haben und die strapazier­ten Mit­be­woh­ner trotz­dem noch immer freund­lich zu uns sind, machen wir uns auf den Weg zum „Gol­de­nen Löwen“, den man uns – zu Recht – für ein gutes Abend­essen emp­foh­len hat.

Lei­der hält das Wet­ter am nächs­ten Mor­gen kei­nem Ver­gleich mit dem eben­falls im „Löwen“ bestell­ten üppi­gen und sehr guten Früh­stück stand. Der Him­mel zeigt sich im Gegen­satz zu ges­tern heu­te Mor­gen ein­heit­lich grau und es reg­net. Zwar nicht kräf­tig, dafür aber fein und pene­trant aus­dau­ernd. Im Boots­haus – wäh­rend wir die näch­tens in den Boo­ten angesammel­ten Was­ser­men­gen aus­schöp­fen – macht der Regen dann jedoch eine kur­ze Pau­se, aber wohl nur, um uns die Ent­schei­dung „ja oder nein“ zu erleich­tern. Wir ten­die­ren alle mehr oder weni­ger zögernd – und nach­dem wir uns über­zeugt haben wie der Nach­bar stimmt – zu einem ver­hal­te­nen „Ja“, hül­len uns in dich­te Regen­klei­dung und bege­ben uns aufs Was­ser, wor­auf dann auch gleich wie­der die nächs­ten Regen­trop­fen fallen.

Für heu­te ist Rudern in nörd­li­cher Rich­tung über die „Alte Fahrt“ geplant. Die­se „Alte Fahrt“ ist der frü­he­re Schiff­fahrts­weg zwi­schen Mirow und der Müritz, bevor in den 1930er Jah­ren der Mirower Kanal gebaut wur­de. Frü­her also ein viel befah­re­ner Trans­portweg, jetzt ein Teil des „Müritz National­parks“, ist es heu­te eine wun­der­schö­ne Ket­te klei­ner Seen mit traum­haf­ten wei­ten See­ro­­sen- und grü­nen Schilffel­dern – wenn die Son­ne vom blau­en Him­mel lacht. Für mich ist dies der schöns­te Teil der Mirower Seen! Aber lei­der lacht die Son­ne heu­te nicht, und so müs­sen wir uns also im lang­sa­men vor­bei Glei­ten an die­sen im feuch­ten Nie­sel­re­gen lie­gen­den Natur­schön­hei­ten mit der Vorstel­lung“,wie es wäre wenn‘ begnügen.

Am Ende des Lep­pin­sees pas­sie­ren wir noch ein kur­zes Kanal­stück zum Woter­fitzsee, machen hier an einer klei­nen mit Bäu­men bewach­se­nen Schil­finsel halt und keh­ren dann um. Hin­ter einer Bie­gung des Lep­pin­sees lockt dann die klei­ne Imbiss­bude von „Kanu Paul“ zu einer kur­zen Rast. War­me Erb­sen­sup­pe, hei­ßer Kaf­fee und kal­tes Bier brin­gen hier etwas Abwechs­lung in die­sen küh­len Regen­tag. Wir sit­zen hier immer mit einem wach­sa­men Blick auf die Anle­ge­stel­le, die wir uns mit einer grö­ße­ren Grup­pe von mun­te­ren Kanu­ten-Neu­lin­gen tei­len müs­sen, von denen eini­ge – so jeden­falls die glaub­haf­te Aus­sa­ge einer Aufsichts­person – „völ­lig hirn­frei“ leben.

Wie­der im Boots­haus ange­kom­men wer­den die Boo­te natür­lich ein­ge­hend gesäu­bert, müs­sen aber lei­der noch feucht in der Hal­le geparkt wer­den, denn es nie­selt na­türlich noch immer – womit haben wir uns das nur verdient?

Lie­be Gise­la, herz­li­chen Dank für die vie­le Mühe, die solch eine Wan­der­fahrt der Fahr­ten­lei­tung immer macht. Wir freu­en uns auf dei­ne nächs­te Fahrt, die, so viel ich weiß, bei hof­fent­lich dann durch­ge­hend schö­nem Wet­ter zum Wang­nitz­see mit um­liegenden Gewäs­sern füh­ren soll.

Horst Störk

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