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Bericht: AH-Wanderfahrt auf Unstrut, Saale und Elbe

von Thomas Osteroth

20. Juli 2010

„Ein herrliches Leben…“

Ein sachlicher Bericht von der AH-Ruderfahrt 2010 auf Unstrut, Saale und Elbe

Mo., 7.Juni

Alle Teil­neh­mer sind pünkt­lich um 7.30 Uhr am Boots­haus, wes­halb zur Beloh­nung nach den letz­ten gefal­le­nen Regen­trop­fen eine in die­sem Jahr unge­wöhn­lich lan­ge Tro­cken­pe­ri­ode von fünf gan­zen Tagen beginnt. Um 8 Uhr ver­las­sen zwei Klein­bus­se mit 17 älte­ren und alten, jung geblie­be­nen Her­ren und drei Vie­rern die Schar­fe Lan­ke. Klei­ne­re Sün­den belohnt der lie­be Gott bekannt­lich sofort und des­halb reißt die Wol­ken­de­cke end­gül­tig auf, nach­dem die ers­te Ampel der Rei­se bei eher dun­kel­gel­ber Far­be aus tech­ni­schen Grün­den über­fah­ren wer­den muss. Um 11.30 Uhr kom­men wir, die von Bernd Sto­eckel vor­ge­ge­be­ne Zeit­schie­ne peni­bel ein­hal­tend (dar­an wird sich bis zum Fahr­ten­en­de auch nichts mehr ändern), in Wei­schütz in Sach­sen-Anhalt an. Das Mit­tag­s­pick­nick wird vor­be­rei­tet, nach­dem die Boo­te abge­la­den und auf­gerig­gert sind, wäh­rend der Anhän­ger zu unse­rem Quar­tier gebracht wird. Als die War­te­zeit Ner­vo­si­tät auf­kom­men lässt, wird zum fabrik­neu­en Kar­ten­spiel gegrif­fen, um bei einer Run­de Mau-Mau die Regeln nach drei­ßig­jäh­ri­ger Spiel­pau­se erst­mals einer Prü­fung zu unter­zie­hen. Kurz bevor die ers­ten Strei­tig­kei­ten dar­über, wer aus­set­zen muss und wer zwei oder vier zie­hen soll in Hand­greif­lich­kei­ten über­ge­hen, erschei­nen die Fah­rer und das Buf­fet wird eröff­net. Die modi­fi­zier­te Kap­pen­ord­nung gilt ab sofort und die ers­ten Sil­ber­lin­ge klin­geln als­bald in Bernd Kapp­mei­ers Kas­se. Um 14 Uhr wer­den die Boo­te zu Was­ser gelas­sen und um 14.30 Uhr beginnt die wil­de Fahrt. Der Schie­be­wind und die Strö­mung sind so stark, dass nach dem Kom­man­do „Ruder Halt“ die Boo­te eher schnel­ler wer­den! Beim ers­ten Stopp wird fest­ge­stellt, dass ein hier nicht nament­lich genann­tes, hoch­ste­hen­des Mit­glied der Dele­ga­ti­on der RU-Arko­na mit falsch ein­ge­leg­ten Skulls gefah­ren ist. Wie es glaub­wür­dig erklärt, „woll­te er nur die Auf­merk­sam­keit der Trup­pe“ tes­ten, was pro­blem­los gelun­gen ist. Nach 11,2 Ruder­ki­lo­me­tern und zwei Schleu­sen wird die Mün­dung der Unstrut in die Saa­le mit einem zünf­ti­gen Plas­tik­be­cher Wein aus der Regi­on begos­sen. Nach wei­te­ren drei­tau­send Metern wird kurz vor Naum­burg beim RC Rot Weiß Naum­burg nach 14,6 km ange­legt. Nach­dem die Boo­te an Land sind, wird auch das ers­te küh­le Fass­bier auf ehe­mals aus­län­di­schem Boden gereicht.

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Ein kur­zer Spa­zier­gang führt uns zur Pen­si­on Fel­sen­kel­ler. Beim Abend­essen auf der Ter­ras­se ist Sül­ze der Ren­ner des Tages, bevor uns der Wirt noch eine klei­ne Spe­zi­al­füh­rung durch sei­ne Gemäu­er gewährt. Gegen sehr soli­de 22 Uhr (es ist noch nicht mal dun­kel!!) machen sich alle über­ra­schen­der Wei­se auf den Weg in ihre Zim­mer, um sich von den Anstren­gun­gen des ers­ten Ruder­ta­ges und beson­ders des Abend­essens zu erholen.

 

Di, 8. Juni                   Wetter: leichter Wind 1–2, sonnig, ca. 25 Grad

Für 8 Uhr hat der Chef zum Früh­stück gela­den. Ange­fan­gen wird erst, wenn auch der letz­te Lang­schlä­fer am Tisch sitzt. Sehr cle­ver, die­ser Grup­pen­druck. Die ers­ten Ruder­ge­nos­sen war­ten seit 7 Uhr bei herr­li­chem Son­nen­schein vor ihren lee­ren Tel­lern auf der Ter­ras­se, bekom­men aber aus purem Mit­ge­fühl „een Gännchn Gaw­we“ ser­viert. Kurz nach neun mar­schie­ren wir gestärkt zum Boots­haus und um 9.30 Uhr legen die Boo­te ab. Die Schleu­sen­war­te von Oebe­litz und Beu­ditz erwei­sen sich als schlech­te Beam­te, da sie uns trotz des „Schließ­tags“ am Diens­tag durch­schleu­sen und eine Art Begleit­ser­vice ver­an­stal­ten. Zwi­schen den Schleu­sen und eini­gen Ruder­me­tern gibt es eine aus­führ­li­che Mit­tags­pau­se. Das Essen wird wie immer per­fekt vom Land­dienst vor­be­rei­tet (ein beson­de­res Lob, das er nie hören wird, gilt dem Bäcker des herr­li­chen Krus­ten­land­bro­tes). Der Wein hät­te viel­leicht eine Win­zig­keit bes­ser tem­pe­riert sein kön­nen, aber nie­mand hat sich die Zun­ge ver­brannt und geme­ckert wird sowie­so nicht! Die Ker­zen, die auf der fest­lich gedeck­ten Tafel natür­lich nicht feh­len, ver­su­chen gegen die glei­ßen­de Son­ne in Punc­to Wär­me und Hel­lig­keit anzu­kämp­fen, ver­lie­ren aber, da sie als­bald vom Wind gelöscht werden.

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Am Fluss­ki­lo­me­ter 136 soll­te der Pro­to­kol­lant etwas in den Bericht auf­neh­men, was er aber nach den sich über­stür­zen­den Ereig­nis­sen ver­ges­sen hat. Schön, dass uns auf vie­len Kilo­me­tern unse­re gefie­der­ten Freun­de sin­gend beglei­ten! Lei­der wird das Geräusch von einem soge­nann­ten Natur­freund irgend­wann schnö­de als quiet­schen­der Roll­sitz iden­ti­fi­ziert. Wie­der eine Illu­si­on weni­ger! Gegen 16 Uhr ist nach 31,5 Ruder­ki­lo­me­tern Ankunft im Kanu­club Bad Dür­ren­berg, wo uns ein dezent ganz­kör­per­tä­to­wier­ter Sports­freund mit sei­nem recht zah­men Dober­mann begrüßt. Die Boo­te wer­den unfall­frei über den Anle­ge­steg, bestehend aus Bret­tern, die auf Sty­ro­por­qua­der geschraubt (!!) sind, getra­gen. Das Gan­ze ähnelt eher einem Mika­do­spiel nach dem ers­ten Wurf als einer Steganlage.

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Der Hund hat kei­nen Appe­tit auf Rude­rer, so dass wir gegen 16.30 Uhr voll­zäh­lig abfah­ren und 17.15 Uhr am Fel­sen­kel­ler ankom­men. Wäh­rend die ers­ten Warm­du­scher warm duschen, trin­ken ande­re ihr ers­tes Bier (vier Mit­fah­rer wer­den beim Ver­zehr von Kaf­fee und Tor­te beob­ach­tet. Namen sind der Redak­ti­on bekannt, wer­den aber nur gegen ange­mes­se­nes Bestechungs­geld ver­ra­ten – das nennt man Kame­rad­schaft!). Ab 19 Uhr ist Abend­essen und ‑trin­ken ange­sagt. Dass man auf Zan­der etwas län­ger war­ten muss, wis­sen wir jetzt auch…

 

Mi, 9. Juni                  Wetter: sonnig, heiß (28 Grad), leichter Wind

Pünkt­lich wie die Mau­rer machen wir uns um 9 Uhr auf den Weg zur Arbeit, d.h. zum Kanu­club Bad Dür­ren­berg, wo die Mann­schaf­ten, wie jeden Tag, bunt durch­ein­an­der-gewür­felt wer­den, damit sich kei­ne Grup­pen in der Grup­pe her­aus­bil­den. Es rudert sich leicht und locker und auch die Kom­man­do-Übun­gen, die Mar­kus mit sei­ner Mann­schaft ver­an­stal­tet, kön­nen die Lau­ne nicht ver­der­ben. Es herrscht offen­sicht­lich die Ruhe vor dem Sturm!

Die Risch­müh­len­schleu­se erwar­tet uns nach 11,5 km. Die Bau­ar­bei­ten sind ange­kün­digt (es ist schon son­der­bar mit den Schleu­sen: ent­we­der ist Schließ­tag oder der Schleu­sen­meis­ter hat um 13 Uhr end­lich Fei­er­abend, weil er auch schon eine Schleu­sung durch­ge­führt hat oder an der Schleu­se wird gebaut) aber der Schleu­sen­wart erklärt Bernd Sto­eckel, dass die Boo­te „pro­blem­los“ über­ge­tra­gen wer­den kön­nen. Unter „pro­blem­los“ ver­steht der gute Mann, der offen­bar ein Ruder­boot bis­her nur als Bas­tel­bo­gen ken­nen gelernt hat, dass die Böschung, an der die Boo­te wie­der ein­ge­setzt wer­den müs­sen, nicht 90 Grad son­dern nur lächer­li­che und beque­me 70 Grad abfällt, was beson­ders Bernds Band­schei­ben zu schät­zen gelernt haben. Was lernt uns das? Pro­blem­los gibt‚s  nicht!

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Nach einer Stun­de ruder­frem­der Tätig­keit kann die Fahrt den­noch in Rich­tung Mit­tags­pau­se fort­ge­setzt wer­den. Der Schleu­sen­wart von Meu­schau vor Mer­se­burg über­bringt die Hiobs­bot­schaft, dass er uns zwar gnä­di­ger­wei­se noch durch­schleu­sen wür­de, er um 13 Uhr (es war 12.50 Uhr) aber Fei­er­abend hät­te, so dass er vom Fahr­ten­lei­ter mit West­mark besto­chen wer­den muss, um sei­ner Beam­ten­see­le einen Schub zu geben, die nächs­te Schleu­se spe­zi­ell für uns zu öff­nen. Die Mit­tags­pau­se fällt dem­entspre­chend kurz aus und die anschlie­ßen­de Regat­ta zur Schleu­se Pla­ne­na zeigt, zu wel­chen kör­per­li­chen Leis­tun­gen man trotz Hit­ze und vol­lem Magen gegen jeg­li­che medi­zi­ni­sche Ver­nunft fähig ist, wenn die Moti­va­ti­on (ein küh­les Bier) stimmt. Gegen 15.45 Uhr ist schließ­lich nach 30,6 Ruder­ki­lo­me­tern Ankunft beim SV Hal­le Böll­berg. Im Foy­er des schö­nen Hau­ses, in dem wir über­nach­ten, zeigt uns die Ahnen­ga­le­rie der vie­len Olym­pia­sie­ger (Tho­mas Lan­ge!), dass wir uns im Haus der DDR-Eli­te auf­hal­ten dür­fen. Nach Per­so­nal­aus­wei­sen wird nicht mehr gefragt…

Nach­dem die Boo­te z.T. abgerig­gert und auf­ge­la­den sind, da die Schleu­se hin­ter dem Ruder­club natür­lich defekt ist und umfah­ren wer­den muss, ist erst mal Pau­se. Das gute und reich­li­che Abend­essen im Ver­eins­haus  wird zu Vor­kriegs­prei­sen (Nudel­pfan­ne zu 4,90 Euro) ange­bo­ten. Der Abend klingt mit einer kur­zen Fahrt durch Hal­le aus und weil wir so lan­ge nicht mehr auf dem Was­ser waren, besu­chen wir ein Restau­rant­schiff, neh­men aber die not­wen­di­gen Kalo­rien nur noch in flüs­si­ger Form zu uns. Die ver­spro­che­ne Eis­die­le ent­puppt sich lei­der nur als Lang­ne­se­e­is­ki­osk, aber das kann nun wirk­lich nie­man­den erschüttern.

 

Do, 10. Juni                Wetter: wolkenlos, 28 Grad, kaum Wind

Gegen 10 Uhr wer­den die Boo­te an der am gest­ri­gen Abend begut­ach­te­ten Stel­le unter wohl­wol­len­der Anteil­nah­me der vor­bei­de­fi­lie­ren­den Bevöl­ke­rung zu Was­ser gelas­sen. Die Abfahrt ver­zö­gert sich ein wenig, da der Boots-Anhän­ger von einem Mitru­de­rer zum Quar­tier zurück­ge­fah­ren wer­den muss, was auf­grund eines Blech­scha­den-Unfalls auf der Stadt­brü­cke, der den Ver­kehr durch kon­se­quen­tes Nicht­han­deln der Poli­zei­kräf­te den­noch eine Stun­de behin­dert, sei­ne Zeit braucht. Da an der Abfahrtstel­le nur Platz für zwei Vie­rer ist, darf sich eine Mann­schaft schon etwas warm­ru­dern, was ange­sichts der knapp drei­ßig vor uns lie­gen­den Kilo­me­ter von unschätz­ba­rem Vor­teil ist. Die Erkun­dung der Hal­le­schen (Hal­len­ser?) Gewäs­ser bleibt den an Land geblie­be­nen lei­der ver­wehrt. Irgend­wann geht‚s aber immer wei­ter und so fin­det die Mit­tags­pau­se nach 17,6 km am Sport­platz der TSG Salz­mün­de statt. End­lich Schat­ten und die Mög­lich­keit ein Eis zu kau­fen. Der Land­dienst, der „noch nicht mit euch gerech­net“ hat, wird dem­entspre­chend bei der Zube­rei­tung des Buf­fets ange­feu­ert und bewun­dert, nicht ohne Hin­zu­fü­gung diver­ser sinn­vol­ler und wich­ti­ger Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge (rich­ti­ges Wurst­schnei­den, kor­rek­te Gur­ken­schei­ben­brei­te…). Dass auch das Able­cken eines Joghurt­bech­erde­ckels mit „auf­fer“ Kap­pe unbarm­her­zig mit Stra­fe belegt wird, erlebt ein Ruder­ka­me­rad schmerz­haft, doch mit über­le­bens­not­wen­di­ger Gelassenheit.

Gegen Ende des Ruder­ta­ges kommt das bis­her so schmerz­lich ver­miss­te Kul­tur­pro­gramm, das bis­her nur aus der Iden­ti­fi­zie­rung ver­schie­de­ner Wein­sor­ten bestand, zu sei­nem Recht: Rechts von uns, d.h. links… also … sagen wir bes­ser: Steu­er­bord erhebt sich die ein­drucks­vol­le Höhen­burg Wet­tin, die, wie ja schließ­lich jeder weiß, seit Jahr­hun­der­ten Mark­gra­fen, Kur­fürs­ten und von 1806 bis 1918 sogar die Köni­ge von Sach­sen aus dem Geschlecht derer von Wet­tin beher­berg­te. Natür­lich war Graf Diet­rich I, der lei­der bereits 982 ver­starb, der gelieb­te Stamm­va­ter der Wet­ti­ner. Und wir dür­fen an die­ser Burg­an­la­ge vor­bei­ru­dern! Ein herr­li­ches Leben!

Gegen 16.30 Uhr errei­chen wir nach 28,9 km das Tages­ziel, den Cam­ping­platz Saa­le­tal. Den davon­schwim­men­den Pad­del­ha­ken ret­tet unter Auf­ga­be tro­cke­ner Klei­dung und ohne Rück­sicht auf Ver­lus­te, wie die gefähr­de­te Fort­set­zung sei­nes Lebens Mar­cus, der sich toll­kühn in die Flu­ten stürzt. Nach dem fol­gen­den Genuss eines Kalt­ge­trän­kes mit ver­nach­läs­sig­ba­rem Alko­hol­ge­halt wird der Rück­trans­port nach Hal­le ein­ge­lei­tet. 17.30 Uhr ist Ankunft im „Ruder­ver­ein Hal­le Böll­berg von 1884 und Nel­son von 1874“ (1953 bis 1989 Che­mie Halle/Sektion Rudern).

Lei­der kann auch nach­träg­lich mit Hil­fe moderns­ter Medi­en nicht geklärt wer­den, wofür der lus­ti­ge Name „Nel­son“ steht. Nicht unwahr­schein­lich, dass er auf den bri­ti­schen Admi­ral Hora­tio Nel­son, der 1805 bei Tra­fal­gar die napo­leo­ni­sche Flot­te ver­nich­tend schlug (nicht er allein), zurück­geht. Jener Nel­son ver­kör­per­te übri­gens in vor­bild­li­cher Wei­se den Wahl­spruch, dass man dann auf­hö­ren sol­le, wenn‚s am schöns­ten ist, da er noch am Ort sei­nes Tri­um­phes von geg­ne­ri­scher Kugel getrof­fen am Sieg­tag ver­starb. Eher unwahr­schein­lich, dass sich der Ver­ein „Nel­son von 1874“ nach dem Nelson‑P Kopf­bol­zen­dü­bel oder gar der kana­di­schen Punk­band „Hawk Nel­son“ benann­te – eher umge­kehrt. Sei‚s drum. Man kann nicht alles wissen.

Um 19 Uhr wird man­gels Plät­zen im nicht vor­han­de­nen Gar­ten­re­stau­rant in den gut geheiz­ten Räum­lich­kei­ten ein der Tem­pe­ra­tur ange­mes­se­nes, üppi­ges, schar­fes und hei­ßes Mahl ein­ge­nom­men. Der Tag klingt wie immer geruh­sam aus und wäh­rend sich ein Teil der Mann­schaft bei einem Spa­zier­gang um die Raben­in­sel frei­wil­lig blut­gie­ri­gen Insek­ten­my­ria­den zum Fraß vor­wirft, ver­bringt der klü­ge­re Teil den Abend plau­dernd, das über den Tag ange­rei­cher­te Flüs­sig­keits­de­fi­zit lang­sam aus­glei­chend, am Bootssteg.

 

Freitag, 11. Juni                      Wetter: heiter bis wolkig, wenige Regentropfen, 26 Grad, Windstärke 3–4

Der Wet­ter­be­richt ver­heißt seit Tagen nichts Gutes für die heu­ti­ge Etap­pe. Über ganz Deutsch­land toben Unwet­ter, Gewit­ter, Hagel und Stark­re­gen. Über ganz Deutsch­land? Eine klei­ne Arma­da von drei Arko­na-Dop­pel­vie­rern mit Steu­er­mann fährt auf der Saa­le bei bes­tem Wet­ter, dunk­le Wol­ken zie­hen auf und ver­zie­hen sich wie­der, und das alles, weil sich am Vor­abend zwei Mitru­de­rer der Brat­kar­tof­feln von Wolf­gang Krau­se erbarmt hatten.

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Ange­mes­se­ner  Schie­be­wind treibt uns gerech­ter Wei­se („dem Flei­ßi­gen gehört die Welt“) dem Ziel in Bern­burg ent­ge­gen. Vor­her kön­nen wir sogar (Pla­n­ab­wei­chung!!!!) in Als­le­ben eine Mit­tags­pau­se durch­füh­ren, nach­dem wir die Boo­te am nicht idea­len Aus­le­ger fest­ma­chen. Der Land­dienst wird zwar wie­der auf dem fal­schen Fuß erwischt, weil die Ruder­grup­pe schnel­ler als die bei­den Bus­se ist, so dass die Vor­rä­te noch nicht ergänzt wer­den konn­ten, aber auch die Res­te müs­sen irgend­wann mal weg (man hat ja „ver­zich­ten“ gelernt). Die ers­ten Regen­trop­fen der Ruder­fahrt fal­len pünkt­lich zu Essens­be­ginn, doch dabei bleibt es, die zwei­ten und drit­ten ver­ges­sen auf die Erde nie­der­zu­ge­hen. So ein­fach ist Meteorologie.

Nach 30,5 km errei­chen wir gegen 15.30 Uhr Bern­burg und legen beim Bern­bur­ger RC an. Der Pap­pel­sa­men­an­griff macht nicht nur wegen sei­ner Erin­ne­rung an den einen oder ande­ren noch gar nicht so lan­ge zurück­lie­gen­den Schnee­sturm des Win­ters eini­gen Akti­vis­ten zu schaf­fen. Noch vor dem Anle­gen wird vom Was­ser aus ein Foto­shoo­ting mit der male­ri­schen Kulis­se der Stadt im Hin­ter­grund durchgeführt.

Pünkt­lich zum Eröff­nungs­spiel der Fuß­ball WM (Ver­zei­hung: aus Urhe­ber­recht­li­chen Grün­den muss es natür­lich hei­ßen „FIFA Fuß­ball WM“) tref­fen wir in der Pen­si­on Ber­lin ein.

Das gemein­sa­me Abend­essen wird in der „Son­der­bar“ began­gen, deren Name sich uns erst erschließt, als wir fest­stel­len, dass es sich eigent­lich um eine Sau­na mit ange­schlos­se­nem Restau­rant han­delt. Glück­li­cher­wei­se wer­den neben dem reich­li­chen Essen auch gekühl­te Geträn­ke in hin­rei­chen­der Quan­ti­tät gereicht. Nach dem zwei­ten oder drit­ten Auf­guss flüch­ten wir aber doch ins Freie, wo wir auf­at­mend einen klei­nen Spa­zier­gang zum Schloss mit der schö­nen Aus­sicht auf die Saa­le und durch die weit­ge­hend unzer­stör­te Stadt machen.

Das bis­her doch arg kurz gehal­te­ne kul­tu­rel­le Pro­gramm erfährt an der Bären­gru­be des Schlos­ses (seit 1860: rus­si­sche Braun­bä­ren) end­lich Auf­trieb. Was wir alles nicht erfah­ren, aber ins­ge­heim doch ahnen sind die wich­tigs­ten Daten der Stadt­ge­schich­te ( a) Schloss Bern­burg 961 erst­mals als aska­ni­sche Rund- oder Flieh­burg erwähnt, b) 1325 Till Eulen­spie­gel Turm­blä­ser auf dem Schloss, c) 1426 Herings­krieg, d) 1682 letz­te Pest, e) 1697 ers­te Saa­le-Schleu­se, f) von Stadt­brän­den wird erstaun­li­cher Wei­se nicht berich­tet!?) Wie die meis­ten Ex-DDR-Städ­te hat auch Bern­burg unter dem Bevöl­ke­rungs­rück­gang zu lei­den (1960: 44.000 Ein­woh­ner, 1990: 39.9oo, 2008: 30.300). Dass u.a. Hans-Joa­chim Böh­me (SED-Funk­tio­när) als bedeu­ten­der Sohn der Stadt genannt wird, inter­es­siert aber nur noch aus­ge­spro­che­ne Lieb­ha­ber der Historie…

Zei­tig, wie das auf Ruder­fahr­ten so üblich ist, bege­ben sich alle brav in die Kojen.

 

Sonnabend, 12. Juni                Wetter: bewölkt, teils schauerartiger Niederschlag, 18 Grad, mäßiger Wind

Auf zur Schluss­etap­pe! Die im 200m-Rhyth­mus rück­wärts zäh­len­de Fluss­län­gen­an­zei­ge strebt unauf­halt­sam der Null ent­ge­gen, was mit der Mün­dung der Saa­le in die Elbe gleich­zu­set­zen ist. Pope­li­ge 37 km lie­gen vor uns, als wir die Fahrt von Bern­burg nach Bar­by begin­nen. Als klei­ne Über­ra­schung, um die Lan­ge­wei­le des Galeerenruderer-Daseins

in erträg­li­chen Gren­zen zu hal­ten, geht über Mit­tag ein mäßi­ger Land­re­gen nie­der, die fri­sche­ren Tem­pe­ra­tu­ren wer­den von den meis­ten Betei­lig­ten aber eher als ange­nehm emp­fun­den. Beim TSC Cal­be hat der Land­dienst den Gaben­tisch berei­tet, und einem Kanu­ten, der an der von unse­ren drei Boo­ten beleg­ten Steg­an­la­ge aus­stei­gen will, wird ohne Gerichts­pro­zes­san­dro­hung und Ein­schal­tung des Lan­des­sport­bun­des Sachsen-Anhalt

Platz geschaf­fen. Dann geschieht das Unfass­ba­re: Der obers­te Wäch­ter der Kap­pen­ord­nung wird beim Essen mit Kap­pe erwischt! Aller­dings erst bei sei­nem zwei­ten Joghurt! Die Grup­pe ist unauf­merk­sam. Oder müde. In Bar­by errei­chen wir die Elbe, deren ande­res Kali­ber im

Ver­gleich mit der Saa­le beim Fest­ma­chen ersicht­lich wird: Eine nicht auf den ers­ten Blick wahr­zu­neh­men­de Gegen­strö­mung führt zu unter­schied­li­chen Ein­schät­zun­gen, in wel­cher Rich­tung man den Steg ansteu­ern sol­le. Wie gut unter­rich­te­te Quel­len mel­den, ist der Streit bei­gelegt, schließ­lich haben bei­de Betei­lig­te ihre Argu­men­te. Nach dem Abrig­gern und dem Hal­ten der obli­ga­to­ri­schen Kurz­re­den, in denen wir uns sel­ber sehr loben und natür­lich beson­ders der Chef Bernd Sto­eckel sei­nen mehr als ver­dien­ten Bei­fall und ein flüs­si­ges Prä­sent erhält, fah­ren wir nach Bern­burg zurück. Nach Fuß­ball­seh- und Schön­heits­schlaf­pau­se geht es wie­der in die Son­der­bar zum reich­li­chen, nicht immer per­fek­ten Essen. Der grö­ße­re Teil der Trup­pe gönnt sich noch einen Nach­tisch in der Eisdiele,

wäh­rend sich eine klei­ne radi­ka­le Min­der­heit dem Vuvu­ze­la-Getrö­te aus­setzt. Wer‚s braucht..

 

Sonntag, 13.Juni                     Wetter: egal, weil Rückfahrt (ganz schön)

Pünkt­lich, uns prä­zi­se am amt­li­chen Zeit­plan ent­lang­han­gelnd, errei­chen wir die Fäh­re bei Bar­by. Beim on- und off-rol­len (!) des Trai­lers muss mit bewähr­ter Hand­ar­beit nach­ge­hol­fen wer­den, weil der Anhän­ger lei­der nicht die Ram­pe hin­ab- und hin­auf­kommt ohne als Abschieds­gruß am Boden zu krat­zen. Nach aben­teu­er­li­cher Fahrt über immer schma­ler wer­den­de Land­stra­ßen und immer ver­las­se­ner aus­se­hen­de Dör­fer, kom­men wir schließ­lich doch zur all­seits bekann­ten, guten alten „Tran­sit­au­to­bahn“, die uns mit der Hei­mat ver­bin­det. Die letz­ten Kilo­me­ter nach Span­dau sind ein Kat­zen­sprung und nach dem Aufrig­gern, Säu­bern und Able­gen der Boo­te an ihrem ver­trau­ten Ruhe­platz neh­men wir auf der Ter­ras­se des Ver­eins­hau­ses noch einen Abschieds­trunk zu uns. Alle sind gesund, die Boo­te sind weit­ge­hend unzer­stört, im Wett­be­werb wer­den der RU Arko­na 17 x 150 km = 2250 km gut­ge­schrie­ben, die Son­ne scheint! Was will man mehr? Ein herr­li­ches Leben…

 

Klaus Becker

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