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Drei Tage durchs Vaterland der Gurken … (Spreewald 2013)

von Thomas Osteroth

6. August 2013

… genau­er gesagt: der .Spree­wäl­der Gur­ken“, denn die­sen Ver­trau­en erwe­ckenden und geschütz­ten Ehren­ti­tel dür­fen näm­lich nur die Gur­ken tra­gen, die auch wirk­lich im Spree­wald aus der Erde kom­men. (Was hof­fent­lich auch jeder der vie­len Gur­ken­bau­ern in die­ser Regi­on beherzigt!)

Aber wo kommt denn die Spree, die die­ser Land­schaft ihren Namen gege­ben hat, nun eigent­lich her? Bis 1866 hat sie es näm­lich meis­ter­haft verstan­den, einen Schlei­er des Geheim­nis­ses über ihre genaue Her­kunft zu brei­ten, denn meh­re­re Gemein­den strit­ten sich hef­tig um die .Ouell­rech­te“. Seit­dem kann man aber nach einem Schieds­spruch von über­re­gio­na­len Fach­leu­ten – fast – sicher davon aus­ge­hen, daß die Spree ihren nun­mehr aktenkundi­gen Ursprung im Raben­brun­nen bei Ebers­bach im Lau­sit­zer Berg­land hat. Als immer kräf­ti­ger wer­den­der Bach durch­fließt sie dann das hüge­li­ge Berg­land Sach­sens, ist sogar für kur­ze 700 m Grenz­fluss zu Tsche­chi­en, kommt nun in das Lau­sit­zer Tief­land und weiß dann kurz hin­ter der Stadt Cott­bus erst mal nicht mehr wie es jetzt wei­ter ge­hen soll, da sie hier kaum noch Gefäl­le hat. Dar­um ver­zweigt sie sich nun in eine breit ange­leg­te Flussinselland­schaft und ver­zet­telt sich hier in zahllo­se mehr oder weni­ger brei­te Veräste­lungen, Flie­ße und Kanä­le – eben den Spree­wald. Erst vie­le Kilo­me­ter wei­ter – hin­ter Lüb­ben – ver­ei­ni­gen sich die vie­len Ver­zwei­gun­gen dann end­lich wie­der in einem gemein­sa­men Fluss­bett und die Spree macht sich nun in zwei weit aus­ho­len­den Bogen auf den Weg nach Ber­lin, wo sie dann in Span­dau gleich unter­halb der Span­dauer Schleu­se schließ­lich ihre Eigen­ständigkeit ver­liert und ruhig und be­scheiden ohne viel Auf­he­bens in die Havel mündet.

Aber jetzt zum Rudern im Spree­wald! Es ist das ich weiß nicht wie­viel­te Mal, dass wir uns mit fast immer den glei­chen begeis­ter­ten Spree­waldru­de­rern hier in Lüb­ben­au tref­fen. Und eben­falls wie immer benut­zen wir natür­lich auch dies­mal wie­der die Jahr für Jahr je­weils im Früh­jahr von Frie­del Krü­ger bereit­ge­stell­ten Dop­pel­zwei­er. Grö­ße­re Boo­te sind in der teil­wei­se herr­li­chen Enge die­ser weit ver­zweig­ten Fluss­landschaft näm­lich völ­lig unan­ge­bracht und wür­den auch gar nicht in die klei­nen Schleu­sen pas­sen. Die Boo­te, in denen wir hier rudern, sind natür­lich nicht mehr die jüngs­ten und haben be­reits eine ganz erheb­li­che Rei­he von Jahr­zehn­ten auf dem Buckel, sind aber trotz­dem wei­test­ge­hend intakt. Es sind also kei­ne Boo­te von der Sor­te, die ihren wah­ren Cha­rak­ter erst zehn Mi­nuten nach dem Able­gen offen legen, was dann näm­lich eine sofor­ti­ge Um­stellung der Mann­schaft erfor­der­lich machen wür­de: einer müss­te dann kräf­tig rudern, der zwei­te soll­te hef­tig Was­ser schöp­fen und der drit­te in brüns­tig zum Him­mel beten, das man noch recht­zei­tig fes­tes Land erreicht. Ein wei­te­rer Vor­teil des Früh­jahrs: die sonst hier hei­mi­schen Mil­li­ar­den von Mücken sind noch nicht geschlüpft und auch die zu ande­ren Jah­res­zei­ten manch­mal wirk­lich stö­rend wir­ken­den .Fleisch­darn­pfer“ hal­ten sich in vertret­barem Rah­men, da ihre Sai­son ja noch nicht begon­nen hat.

Also schnell drei der kiel­oben liegen­den Dop­pel­zwei­er gedreht, noch einen Roll­sitz mit ver­bo­ge­ner Ach­se ausge­tauscht, Gepäck im Boot ver­staut und ab geht die Fahrt. Wie die Wetterpro­pheten vor­her gesagt haben, zeigt sich der Him­mel leicht bedeckt und die Luft war­tet mit recht ange­neh­men Wärme­graden auf.

Mit ruhi­gen Schlä­gen, denn wir haben über­haupt kei­ne Eile, stre­ben wir den brei­ten Süd­um­flu­ter hin­auf bis zur Schleu­se Busch­müh­le. Der Mül­ler, der hier frü­her mal das Korn der Umge­bung mit Was­ser­kraft gemah­len hat, hat sei­nen Arbeits­platz schon seit lan­gem ver­las­sen, das Dach des Mühlen­gebäudes ist längst ein­ge­stürzt und das alte Mahl­werk samt der frü­he­ren Schleu­sen­an­la­ge ros­tet lang­sam vor sich hin. Aber es gibt hier einen gro­ßen, traum­haft schö­nen Magnolien­baum zu bestau­nen, der sich uns ge­rade in vol­ler Blü­te prä­sen­tiert. Eine neue Schleu­se lässt uns hier gan­ze 20 cm an Höhe gewin­nen, die wir dann aber nach etwa drei Kilo­me­ter durch die Schleu­se am Restau­rant .Dubkow­Mühle“ gleich wie­der abwärts sinken.

Dafür spen­die­ren wir uns jedoch hier, in der herr­li­chen Son­ne im Frei­en sit­zend, ein mehr oder weni­ger gro­ßes .Köniq-Lud­wiq-Dun­kel“. Jetzt geht es auf der Haupt­spree abwärts wei­ter in Rich­tung auf das stil­le Dörf­chen Lei­pe, wo wir frü­her mal unser Haupt­quar­tier hat­ten. Außer­dem befand sich hier ein­mal mei­ne Lieb­lings­schleu­se. Eine Schleu­se gibt es hier zwar immer noch, aber den roten Back­stein und das schö­ne dunk­le Holz mei­ner alten Schleu­se kann man eben nicht durch den grau­en, leb­lo­sen Beton des neu­en Bau­werks ersetzen.

Es ist jetzt kurz nach 16:00 Uhr und da dür­fen auch wir als Sport­boo­te durch das klei­ne Dörf­chen Leh­de fah­ren. Bis dahin ist die Durch­fahrt näm­lich nur den .Fleisch­darn­pfem“ gestat­tet, denn den zah­len­den Tou­ris­ten muss ja auch was gebo­ten wer­den. Die­ses Leh­de ist ein­zig­ar­tig! Sogar Theo­dor Fon­ta­ne, der gro­ße Dich­ter der Mark Branden­burg, ist auf sei­nen Wan­de­run­gen hier vor­bei gekom­men und hat Leh­de mit den wohl­wol­len­den Wor­ten: “ … eine Lagu­nen­stadt im Taschen­for­mat, ein Vene­dig, wie es vor 1.500 Jah­ren ge­wesen sein mag … “ geadelt.

Kur­vig und eng zieht sich ein schma­ler Was­ser­lauf durch die­ses hüb­sche Dörf­chen, hof­fent­lich kommt uns hier nie­mand ent­ge­gen. Vie­le Häu­ser in die­sem fast 700 Jah­re alten und heu­te unter Denk­mals­schutz ste­hen­den Dorf, sind voll­kom­men im Block­haus­stil aus Holz gebaut und haben schilfge­deck­te Dächer. Herr­lich bunt brei­ten sich um uns die klei­nen, lie­be­voll gepfleg­ten Gärt­chen vor den alten Häu­sern. Früh­lingsblumen blü­hen in allen Far­ben, klei­ne Obst­bäum­chen ste­hen in vol­ler Blü­ten­pracht, im Ast­werk hän­gen noch immer die far­bi­gen Eier als Erin­ne­rung an das ver­gan­ge­ne Osterfest.

Bis zur hei­mat­li­chen Wie­se ist es jetzt nicht mehr weit. Mal sehen, was uns mor­gen erwartet.

Der Mor­gen bringt uns erst ein­mal ein her­vor­ra­gen­des Früh­stück in unse­rer klei­nen Pen­si­on, durch das gro­ße Fens­ter lacht eine strah­len­de Son­ne von einem durch­ge­hend blau­en Him­mel und bereits die Morgentemperatu­ren las­sen uns ahnen, dass es heu­te sicher recht warm wer­den wird. Die 500 m Fuß­weg zu den Boo­ten sind schnell zurück gelegt und wir sind wie­der auf dem Was­ser. Im heu­te Mor­gen strah­len­den Son­nen­schein erscheint uns das fri­sche Grün des lan­ge erwar­teten Früh­lings noch viel inten­si­ver und das herr­lich leuch­ten­de Gelb der For­sy­thi­en­bü­sche und der üppi­gen Büschel von Sumpf­dot­ter­blu­men noch viel kräf­ti­ger. Über­all hört man das Klop­fen der flei­ßi­gen Spech­te, die ihre Alt- oder Neu­bau­woh­nun­gen bezugs­fertig machen. Rund­um ist die Natur im Auf­bruch. Nur beim Schilf tut sich noch nichts, hier wie­gen sich noch immer die alten brau­nen Stän­gel des Vorjah­res im leich­ten Wind.

Das alles schützt mein Boot aller­dings nicht vor der Tat­sa­che, dass wir plötz­lich ganz mut­ter­see­len­al­lei­ne auf dem Was­ser sind. Die ande­ren bei­den Boo­te sind irgend­wo in die­sem Laby­rinth von schma­len Was­ser­läu­fen abgebo­gen und wir haben es nicht bemerkt, weil unse­re Steu­er­frau uns etwas Gu­tes tun woll­te und genau in dem Mo­ment schnaps­fläsch­chen­su­chend in ihrem Boots­beu­tel gekramt hat. Schuld dar­an sind natür­lich wie­der die ande­ren – die dann aller­dings das Glei­che von uns behaup­ten, nach­dem wir uns nach eini­ger Zeit ganz zufäl­lig wie­der getrof­fen haben.

Über die Haupt­spree und den Lei­per Gra­ben sind wir inzwi­schen an der Polenz­schän­ke vor­bei im Hoch­wald ange­kom­men und gön­nen uns hier eine kur­ze Pau­se im war­men Sonnen­schein bevor wir über das Diet­mar Fließ und den Wehr­ka­nal wie­der in Rich­tung Hei­mat star­ten. Die­ser Wehr­kanal hat es in sich, denn er zieht sich so unge­fähr gute zwei Kilo­me­ter weit schnur­ge­ra­de und schmal durch die feuch­te Land­schaft, will und will kein Ende neh­men und ist meist nur im auf die Dau­er etwas anstren­gen­den Spree­wald­schlag zu befah­ren. Und da das alles so herr­lich schweiß­trei­bend ist, gön­nen wir uns in der alten Wald­schenke „Wot­schofs­ka“ noch ein klei­nes Pils. Nach zwei (oder waren es sogar drei?) wei­te­ren Schleu­sen errei­chen wir dann wie­der den hei­mat­li­chen Anle­ge­platz und haben uns mit die­ser schö­nen aus­ge­dehn­ten Spree­wald­tour das gegrill­te Steak, das uns unser Wirt für heu­te Abend ver­spro­chen hat, dann auch wirk­lich verdient.

Der nächs­te Mor­gen zeigt sich lan­ge nicht mehr so freund­lich wie der Vor­tag. Das Auto­ther­mo­me­ter steht auf 16 Grad – aller­dings ist das die Innentem­peratur. Außen sind es exakt nur 8,5 Grad. Außer­dem ist der Him­mel voll­kom­men zuge­zo­gen und ent­lässt einen leich­ten Sprüh­re­gen. Alle sind ruderun­lustig – bis auf eine, und das ist natür­lich die Fahr­ten­lei­tung. Mit der bei ihr übli­chen Hart­nä­ckig­keit ver­steht sie es, auch die rest­li­chen zögern­den acht Rude­rer zu über­zeu­gen und wie­der in die Boo­te zu brin­gen, obwohl die klei­nen Rin­ge, die sich mal mehr mal we­niger dicht auf dem Was­ser zei­gen, für den Rest des Vor­mit­tags auch Schlim­me­res erwar­ten las­sen. Aber es bleibt den gan­zen Tag über nur bei der mehr oder weni­ger feuch­ten Luft.

Unser Ziel ist wie­der die .Dubkow­Mühle“, dies­mal aber drin­nen im schö­nen alten Schank­raum mit sei­nen vie­len Erin­ne­rungs­stü­cken an „die guten alten Zei­ten“. Wir las­sen uns Weiß­kä­se mit Lein­öl, Grütz­wurst und ande­re lan­destypische Lecke­rei­en schme­cken und sind nach einer zar­ten Gesangs­einlage unse­rer­seits auch einem lecke­ren Spree­wald­bit­ter auf Kos­ten des Hau­ses nicht grund­sätz­lich abgeneigt.

Auf dem Heim­weg gestat­ten wir uns bei die­ser trü­ben Wet­ter­la­ge natür­lich kei­ne der sonst übli­chen Umwe­ge mehr. Die Boo­te wer­den gesäu­bert und wie­der kiel­oben auf der Wie­se ab­gelegt, dann folgt die gro­ße Verab­schiedung und es geht per Auto wie­der zurück in die hei­mat­li­chen Regionen.

Horst Störk

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