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Fahrtenbericht von einer Rudertour auf dem Canal du Midi

von Thomas Osteroth

8. August 2012

A. Kurzfassung:

Acht Rude­rer der RUA waren vom 6. – 17. Juni 2012 mit gemie­te­tem Bus und Boots­anhänger „Pack­esel“ mit zwei Doppelzwei­ern „Jupi­ter“ und „Teu­to­nia“ (1.700 km hin und 1.700 km zurück!) unter­wegs in Frank­reich, um auf dem über 300 Jah­re alten und heu­te zum Welt­kul­tur­er­be zäh­len­den Canal du Midi an sie­ben Tagen rd. 150 km zu ru­dern und dabei 36 Schleu­sen mit ins­ge­samt 60 Stau­stu­fen zu erleben.

B. Leseversion:

Ange­regt durch unse­ren Marc, der dann aber zeit­lich lei­der nicht teil­neh­men konn­te, gründ­lich vor­be­rei­tet durch Bernd und Ha­raid, ver­tieft durch Rei­se­be­spre­chun­gen mit fran­zö­si­schen Spe­zia­li­tä­ten bei Harald und Hol­ger zuhau­se und ergänzt durch Skipper­Kenntnisse von Tho­mas tra­fen sich vor dem Abfahrts­tag alle Teil­neh­mer im Boots­haus ein, um den „Pack­esel“ zu bela­den – neutra­le Beob­ach­ter waren sehr ver­wun­dert, was alles für eine Woche Frank­reich ein­ge­packt und auf­ge­la­den wurde.

Am Don­ners­tag, dem 07.06.2012, star­teten acht Arko­nen (Mar­kus Bud­zyn, Hol­ger Büch, Mar­tin Koll, Peter Lenz, Tho­mas Osteroth, Harald Rad­tke, Bernd Sto­eckel als Fahr­ten­lei­ter und Rene Wil­mes) um 6:00 Uhr früh vom Boots­haus, um gegen 19:00 Uhr nach 1.000 km Auto­fahrt im französi­schen Etap­pen­ziel Besa­neort zu übernach­ten. Zu erwäh­nen bleibt, dass kilometerge­nau beim Über­schrei­ten der fran­zö­si­schen Gren­ze der Stark­re­gen ein­setz­te, der uns auch am nächs­ten Tag bis ca. 100 km vor dem Ziel in Cas­tel­n­au­da­ry begleitete.

Am Frei­tag, dem 08.06.2012, erreich­ten wir dort gegen 15:30 Uhr den klei­nen Haus­boot-Hafen, um unser gebuch­tes Boot der Klas­se Nau­ti­lia (12,80 m lang und 4,10 m breit – mit zwei Duschen und zwei Toi­let­ten an Bord) in Augen­schein zu neh­men und die Über­ga­be­for­ma­li­tä­ten für den nächs­ten Tag abzuklären.

Für den Abend war auf­grund der kulina­rischen Recher­che von Tho­mas der Ver­zehr des Cas­sou­let unab­ding­bar, da Castelnau­dary die Haupt­stadt die­ses def­ti­gen Ein­topfgerichtes mit wei­ßen Boh­nen, Fleisch, Wurst und Gän­se­schmalz ist. Tho­mas hat­te bei sei­ner Recher­che wohl über­se­hen, dass die­ses sehr inhalts­schwe­re Gericht noch aus der Zeit stammt, als die Schleusenwär­ter per Hand die Tore bedient haben und so woll­te er anschlie­ßend nie wie­der von die­sem schwer ver­dau baren Ein­topf etwas hören.

Am Sonn­abend, dem 09.062012, brach­ten Harald, Hol­ger und ich den ent­la­de­nen Pack­esel und den ange­mie­te­ten Bus zum Ziel­ha­fen nach Port Cas­sa­fie­res am MitteI­meer und fuh­ren mit der Bahn zurück nach Cas­tel­n­au­da­ry, wo in der Zwi­schen­zeit die rest­li­chen Arko­nen die mit­ge­brach­te Nutz­last auf dem Haus­boot ver­staut hat­te. Nach einer kur­zen Früh­stücks­pau­se mit fri­schen Baguettes wur­den die bei­den Doppel­zweier ein­ge­teilt und der erfah­re­ne Skip­per Tho­mas über­nahm mit Bernd das Ru­der des Haus­boo­tes. Ich möch­te an die­ser Stel­le mei­ne per­sön­li­che Hoch­ach­tung für Tho­mas äußern, der die­ses .Rie­sen­schiff“ sehr sou­ve­rän beherrscht hat und auch in den zahl­rei­che Schleu­sen nie den Über­blick ver­lo­ren hat. Erwäh­nens­wert ist, dass die alten Schleu­sen­kam­mern 30 Meter lang sind und von der Brei­te nur zwei Hausboo­te neben­ein­an­der rein­pas­sen. Wäh­rend die bei­den Dop­pel­zwei­er am Sonn­abend noch mit­schleu­sen durf­ten, war das ab Sonn­tag nicht mehr mög­lich. Alle Schleu­sen­wär­ter stell­ten auf unse­re Nach­fra­ge fest, dass „Al­les, was getra­gen wer­den kann“ nicht mehr geschleust wird. Da kamen dann die mitge­brachten Trans­port­wa­gen zum Ein­satz und ich muss im Nach­hin­ein fest­stel­len, dass He­rausnehmen, Umtra­gen und Wiedereinset­zen schnel­ler ging als das Schleu­sen durch die sehr zahl­rei­chen Schleu­sen­stu­fen. Das Ende der 1. Etap­pe war nach 15 Ruderkilo­metern und 18 Stau­stu­fen in Bram.

Am Sonn­tag, dem 10.06.2012, eine schö­ne Etap­pe mit 29 Ruder­ki­lo­me­tern und nur sechs Stau­stu­fen. Ende der 2. Etap­pe war in der Mari­na des schö­nen Städt­chen Carcas­sonne mit sei­nem his­to­ri­schen Altstadtbe­reich (mit rich­ti­gen Duschen!). Nach dem Besuch der bur­g­ähn­li­chen Alt­stadt über der Aude ser­vier­te unser.Chefkoch’Thomas sei­ne Pas­ta Bolo­gne­se zum EM-Fuß­ball an Bord. Dank an Mar­tin, der dafür gesorgt hat­te, dass wir mit dem Note­book von Hol­ger die­ses Fern­seh­erleb­nis – mit der sehr komi­schen fran­zö­si­schen Aus­spra­che der deut­schen Spie­ler­na­men – genie­ßen konnten.

Am Mon­tag, dem 11.06.2012, ende­te die Etap­pe nach 25 Ruder­ki­lo­me­tern und 26 Stau­stu­fen in Blo­mac, wo die Rude­rer durch ein auf­zie­hen­des Gewit­ter mit kräf­ti­gem Re­gen beim War­ten auf das durch die Schleu­serei lang­sa­me­re Wohn­schiff sehr nass wurden.

Am Diens­tag, dem 12.06.2012, eine land­schaftlich sehr schö­ne 4. Etap­pe mit 25 Ru­derkilometern und 13 Stau­stu­fen ende­te in der Mari­na von Rou­bia, wo gemein­sam in einem Restau­rant in der schö­nen Alt­stadt das Abend­essen ein­ge­nom­men wurde.

Am Mitt­woch, dem 13.06.2012, end­lich eine Etap­pe ohne Stau­stu­fen. Tho­mas durf­te das Steu­er des Haus­boo­tes abge­ben und konn­te gleich die längs­te Etap­pe mit 35 Ruder­ki­lo­me­tern (ohne Bla­sen an den Hän­den!) aktiv mit­ge­stal­ten. Ende der 5. Etap­pe war dann in dem Städt­chen Cape­stang mit sei­ner alten goti­schen Stifts­kir­che. Abends gab es an Bord Chil­li con Car­ne (nach eige­nem Rezept von Tho­mas lecker zube­rei­tet) mit frisch gekauf­tem Baguette und natür­lich das EM-Fuß­ball­spiel Deutsch­land – Niederlande.

Am Don­ners­tag, dem 14.06.2012, Tages­höhepunkt war die Fahrt durch einen 161 m lan­gen und 6 m brei­ten Tun­nel, den die Ruder­boo­te aus Sicher­heits­grün­den nur im Schlepp des Haus­boo­tes bewäl­tigt haben. In die­sem Tun­nel gibt es kei­ne Vorfahrtsre­geln: nach einem Hup­si­gnal los­fah­ren und hof­fen, dass der Gegen­ver­kehr dies hört und war­tet. Ende der 6. Etap­pe war nach 25 Ruder­ki­lo­me­tern und acht Stau­stu­fen in der Mari­na von Vll­le­neuve-les-Beziers mit einem gemein­sa­men Abend­essen in einem Altstadt-Restaurant.

Am Frei­tag, dem 15.06.2012, hät­ten die noch aus­ste­hen­den acht Ruder­ki­lo­me­ter bis zum Ziel­ort von den Rude­rern eigent­lich auch mit den Trans­port­wa­gen zu Fuß be­wältigt wer­den kön­nen, doch wir muss­ten ja immer auf das Haus­boot war­ten! Ende der 6. Etap­pe war nach der ein­zi­gen und letz­ten Schleu­se (wie­der mit Umtra­gen) in dem Ziel­ort Port Cas­sa­fie­res, wo die letz­te Nacht noch an Bord über­nach­tet wur­de. Der Abend wur­de zu einem Besuch des MitteI­meerhafens Sete und Abschieds-Essen mit fran­zö­si­schen Mee­res­spe­zia­li­tä­ten genutzt.

Am Sonn­abend, dem 16.06.2012, wur­de früh­mor­gens der Inhalt des Haus­boo­tes und die bei­den bereits abgerig­ger­ten Boo­te auf dem dort bereits ste­hen­den „Pack­esel“ ver­staut und nach kur­zem Früh­stück ging es um 8:00 Uhr ab in Rich­tung Hei­mat. Ge­gen 19:00 Uhr erreich­ten wir nach rd. 1.000 Auto­ki­lo­me­tern end­lich die deut­sche Klein­stadt Witt­lich an der Mosel. Unver­gess­lich bleibt das dor­ti­ge Abend­essen in einem Ne­benraum eines Ofenverkaufsladens (!).

Am Sonn­tag, dem 17.06.2012, Früh­stück um 7:00 Uhr, 8:00 Uhr Abfahrt. Mar­kus blieb in Witt­lich, um von dort nach Geschäftsöff­nung mit sei­nem neu bestell­ten Auto an­schließend allein nach Ber­lin zu fah­ren. Um 16:00 Uhr tra­fen die rest­li­chen sie­ben Arko­nen nach rd. 700 Auto­ki­lo­me­tern am Boots­haus ein, wo sie bereits von den Ehe­frau­en sehn­süch­tig erwar­tet wurden.

Abschluss­be­mer­kung:

Nicht nur für mich per­sön­lich war die­se Fahrt ein unver­gess­li­ches Erleb­nis und mei­ne wei­tes­te (aber nicht längs­te!) Ruder­wan­der­fahrt. Dazu trug die posi­tiv erleb­te Gemein­schaft – und dies oft auf engs­tem Raum – erheb­lich bei. Ich möch­te mich – zugleich im Namen aller alten und neu­en Mit­fah­rer – für die tol­le Vor­be­rei­tung und Fahr­ten­lei­tung bei unse­rem Bernd sehr herz­lich bedan­ken. Außer­dem bedan­ke ich mich bei unse­rem Harald, der mir auch in schwie­ri­gen Situa­tio­nen in und außer­halb von Schleu­sen stets ein gro­ßer Halt war. Be­sondere Aner­ken­nung ver­die­nen noch un­ser „Haupt­skip­per“ und „Chef­koch“ Tho­mas für die bewie­se­nen nau­ti­schen Fähig­kei­ten und Koch­küns­te, sowie unser Hol­ger, der her­vor­ra­gend die Fahr­ten­kas­se ver­wal­tet und mit sei­nen Fran­zö­sisch­kennt­nis­sen oft hilf­reich war.

Als Wan­der­ru­der-Revier ist der Canal du Midi mit sei­nem alten Baum­be­stand und schö­nen Land­schaf­ten sehr inter­es­sant. Wir wur­den als Rude­rer mit Arko­na und Deutsch­land-Flag­ge oft wie das 8. Welt­wunder bestaunt, da hier neben den Char­­ter-Haus­boo­ten auf dem Was­ser nur vie­le Rad­wan­de­rer, Jog­ger und Spa­zier­gän­ger an Land zu sehen waren. In Anbe­tracht der oft zu kal­ten Tem­pe­ra­tu­ren in die­sem Juni in dem sonst wär­me­ren „Mittelmeerklima­Bereich“ fra­ge ich mich aber, wie in der Haupt­sai­son die dort vor­han­de­nen mehr als 1.000 Char­ter-Haus­boo­te sich auf dem rela­tiv schma­len Kanal noch vor­wärts be­wegen kön­nen bzw. wel­che War­te­zei­ten an den zahl­rei­chen klei­nen Schleu­sen in Kauf genom­men wer­den müssen.

Peter Lenz

Down­load­ver­si­on hier: Canal du Midi 2012

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