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Mit der Barke auf der Peene (2013)

von Thomas Osteroth

6. Februar 2014

Gera­de mal eine hal­be Stun­de sind wir jetzt mit der lila far­be­nen Bar­ke „Hans Her­mann Mey­er“ auf dem Mal­chi­ner See unter­wegs, da beloh­nen wir uns schon für die bis­her geleis­te­te Arbeit mit einem noch küh­len Glas Sekt.

Doch was haben wir denn bis­her ei­gentlich geleis­tet? In Ber­lin hat Sieg­fried beim R.C. Tegel­ort den Hän­ger mit Bar­ke auf den Haken genom­men, aber nicht ohne vor­her die diver­sen Hohl­räu­me mit unzäh­li­gen Lecke­rei­en in flüs­si­ger und fes­ter Form fül­len zu las­sen. Durch eine herr­lich sommerli­che Land­schaft und vie­le schat­ti­ge Al­leen sind wir dann nord­wärts bis nach Dah­men am Mal­chi­ner See gerollt, haben die Bar­ke am dor­ti­gen Cam­pingplatz zu Was­ser gelas­sen und auch den etwas auf­dring­li­chen Humor des Wirts­haus­be­sit­zers schad­los über­standen. Womit wir uns die­se ers­te Erho­lungs­pau­se sicher red­lich ver­dient haben.

Die Pee­ne, die den Mal­chi­ner See nur müh­sam füllt, ist mit ihren 136 km Län­ge nicht gera­de einer der gro­ßen Flüs­se Deutsch­lands und da ihre Quel­le – oder zumin­dest die anschei­nend wich­tigste – nur 28 m über NN ent­springt, hat sie natür­lich so gut wie über­haupt kei­ne Strö­mung. Wenn man es genau nimmt, ist sie auf ihren 136 km bis zur Mün­dung ins Haff eigent­lich nur ein ste­hen­des Gewäs­ser. Aber das sind wir ja von unse­rer Havel schon gewöhnt.

Soviel über die Pee­ne – wir wol­len jetzt näm­lich wei­ter, denn der so müh­sam gefüll­te Mal­chi­ner See ist immer­hin neun Kilo­me­ter lang und hat sei­nen Abfluss in den Dah­mer Kanal am Nor­dende des Sees äußerst geschickt in einem schier end­los schei­nen­den grü­nen Schilf­gür­tel ver­steckt. Frü­her ein­mal war die West­pee­ne für die­sen Ab­fluss zustän­dig, aber die ist jetzt total ver­krau­tet und der Dah­mer Kanal hat die­se Auf­ga­be über­nom­men. Aber auch der ist schon so stark zu ge­wachsen, dass wir oft nur durch Pad dein oder Sta­ken vor­wärts kom­men kön­nen, und auf acht Kilo­me­tern Län­ge kann das schon recht müh­sam und zeit­auf­wän­dig sein. Und dann erwar­tet uns so etwa 500 m vor dem Ziel noch eine Über­ra­schung in Form einer lan­gen oran­ge far­be­nen Wurst, die als eine Art Ölsper­re quer über den schma­len Kanal gelegt wor­den ist und uns somit die Wei­ter­fahrt ver­wehrt. Die­ses Sperr­werk wird von einem be­leibten Men­schen im Arbeits­an­zug nebst zwei Gehil­fen vom Ufer her laut­stark ver­tei­digt. – Was nun? – Wir wol­len und kön­nen die so müh­sam zurück geleg­ten acht Kilo­me­ter nicht zurück, denn auf der gesam­ten Stre­cke gibt es kei­ne Mög­lich­keit zum Anle­gen. Sie wol­len und dür­fen uns aber für die letz­ten 500 m nicht durch las­sen – schließ­lich liegt ja ein dienst­li­cher Auf­trag vor. Dar­um grei­fen wir – natür­lich gegen ihren lau­ten Pro­test – zur Selbst­hil­fe, ent­fer­nen für kur­ze Zeit die Sper­re, schlüp­fen durch, und stel­len dann brav den gesperr­ten Zustand wie­der her. Man will ja nicht mehr Ärger machen als nötig. Die drei tap­fe­ren Ver­tei­di­ger sind inzwi­schen zwecks Beschwer­de­füh­rung bei ihrer nächs­ten Dienst­stel­le vom Tat­ort ver­schwun­den und wer­den nicht mehr gesehen.

Für uns ist die Fahrt dann nach den besag­ten 500 m auf dem Gelän­de des Mal­chi­ner Kanu-Clubs been­det. Unse­re Bar­ke wird in einem Neben­ka­nal für die Nacht sicher ver­täut und wir rei­sen per Taxi ins Städt­chen Dem­min, wo wir uns im schö­nen Hotel .Dernrni­ner Müh­le“ für vier Über­nach­tun­gen ein­quar­tiert haben. Am Fuße der alten Müh­le – bereits seit 80 Jah­ren ohne Flü­gel – gibt es sogar einen schat­ti­gen Biergar­ten, in dem wir uns nach geta­ner Arbeit dann immer zum gemein­sa­men Abend­essen treffen.

Am nächs­ten Mor­gen lacht die Son­ne wie­der von einem durch­ge­hend blau­en Him­mel, zwei Groß­raum­ta­xis brin­gen uns zurück zur Bar­ke und wir bre­chen auf zur nächs­ten Tages­etap­pe. Und das sind zunächst erst ein­mal wei­te­re fünf Kilo­me­ter zwi­schen hohen im Wind rau­schen­den Schilfwän­den auf dem Pee­ne­ka­nal, der dann in den Kum­me­rower See mün­det. Heu­te weht ein stän­di­ger, manch­mal auch ziem­lich hef­ti­ger Wind, der die Fahrt über den See etwas unge­müt­lich macht. Mit ei­nem klei­nen Umweg errei­chen wir dann den auch hier nicht mar­kier­ten Abfluss des Sees und legen gegen­über der Aal­bu­de zur Mit­tags­pau­se an. Unser Küchen­per­so­nal hat mal wie­der gezau­bert und wir schwel­gen in den rus­ti­ka­len Genüs­sen aus der Bordküche.

Ab hier sieht die Pee­ne dann auch, was die Brei­te betrifft, wie ein rich­ti­ger Fluss aus, der jetzt in vie­len Kur­ven und Win­dun­gen, aller­dings ohne jede Strö­mung, durch das fla­che Land mä­andert. Dafür weht aber ein ste­ti­ger Wind, den wir auf güns­ti­gen Stre­cken natür­lich scham­los aus­nut­zen und uns mit auf­ge­dreh­ten Blät­tern vor dem Wind trei­ben las­sen – manch­mal kom­men sogar zusätz­lich noch Hilfs­segel zum Ein­satz. Doch die­se be­queme Art des Rei­sens for­dert dann auch bald ihren Tri­but: ein Rie­men­blatt wird ver­wun­det und kann die gestell­ten Anfor­de­run­gen nicht mehr voll erfüllen.

Unser Ziel für heu­te ist der Segel­club in Dem­min, in einem seit­li­chen Peene­arm gele­gen und mit einer etwas schwie­ri­gen Ein­fahrt. Die Repa­ra­tur des Rie­men­blatts wird auf den Abend ver­scho­ben aber weil wir nun gera­de mal dabei sind, sol­len auch gleich die ande­ren klei­nen Uneben­hei­ten beim Rudern besei­tigt wer­den. Es hebt ein mun­te­res Aus­tau­schen von Rie­men an: Back­bord kommt nach Steu­er­bord und Steu­er­bord nach Back­bord, vor­ne soll nach hin­ten und hin­ten soll nach vor­ne. Schluss­end­lich ver­blei­ben drei Back­bord­rie­men auf Steu­er­bord und ent­spre­chend vie­le Steu­er­bord­rie­men auf der Gegen­sei­te. Und damit man die­ses gewoll­te Cha­os jeden Mor­gen ohne grö­ße­re Dis­kus­sio­nen sofort wie­der her­stel­len kann, wer­den alle Rie­men natür­lich auch ent­spre­chend markiert.

Ein kur­zer Taxi­trans­port bringt uns zwölf Rude­rer und den deso­la­ten Rie­men ins Hotel, wo er dann fachmän­nisch repa­riert auf sei­nen wei­te­ren Ein­satz war­tet und die Repa­ra­teu­re sich im schat­ti­gen Bier­gar­ten des Ho­tels noch ein Bier­chen genehmigen.

Heu­te haben wir mit 41 ‚5 km die längs­te Stre­cke zu bewäl­ti­gen, vor der uns ehr­lich gesagt etwas ban­ge ist. Das Früh­stück gibt es des­halb auch schon eine hal­be Stun­de frü­her und wie wir dank­bar fest­stel­len, hat sich sogar die Natur auf unse­re Sei­te geschla­gen, der Him­mel ist bedeckt, es ist küh­ler als an der Vor­ta­gen und auch der Wind weht recht kräf­tig in die rich­ti­ge Rich­tung. Im Lau­fe des Vor­mit­tags kämpft sich dann aber die Son­ne doch ab und an durch die Wol­ken, es bleibt aber immer bei einer rude­rer­freund­li­chen Tem­pe­ra­tur. In Loitz begrü­ßen uns Kir­chen­glo­cken und die neue Klapp­brü­cke kommt in Sicht – für unser flach gehen­des Schiff­chen braucht sie aber nicht hoch­ge­klappt zu wer­den. Auf den ver­moderten Bal­ken einer alten Uferbe­festigung steht eine Rei­he von Kormo­ranen, die sich nach sicher erfolgrei­cher Jagt auf den Fisch zum Früh­stück ihre nas­sen Flü­gel im Wind trock­nen las­sen. An Back­bord öff­nen sich immer wie­der wei­te Ein­bli­cke auf gro­ße Tei­che. Hier wur­de frü­her Torf abge­baut, heu­te sind die­se Gebie­te geflu­tet und weit­ge­hend mit herr­li­chen See­ro­sen und Mum­meln bedeckt. Dar­über dre­hen gro­ße Vögel ihre Krei­se – manch einer glaubt sogar in ihnen See­ad­ler zu erken­nen, die ihr Revier gegen fre­che Kon­kur­ren­ten ver­tei­di­gen müs­sen. Wir rudern der­weil fleißig!

Aus der Bord­kü­che weht ein dezen­ter Käse­ge­ruch her­über, die Mit­tags­zeit naht und auf dem Vor­schiff müs­sen Vor­be­rei­tun­gen getrof­fen wer­den. Und bei die­ser Gele­gen­heit soll­te nun aber wirk­lich mal etwas über unser flei­ßi­ges Küchen­per­so­nal gesagt wer­den. Die drei Mädels zau­bern näm­lich Tag für Tag aus den umfang­rei­chen und schier uner­schöpf­li­chen Bestän­den in den Kata­kom­ben der Bar­ke für den rudern­den Teil der Mann­schaft (und natür­lich auch für sich selbst) kal­te Plat­ten, wie sie unter die­sen Umstän­den kaum bes­ser sein könn­ten – das Wört­chen „kal­te“ soll­te man aber hier beson­ders in der Mit­tags­zeit viel­leicht nicht so wört­lich neh­men. Da gibt es Butter­und Schmalz­bro­te, diver­se mundge­recht zuge­schnit­te­ne Wurst­schei­ben sowie duf­ten­de Käse­wür­fel, Knäcke­brot mit schmack­haf­tem Dip, gesalze­ne Gur­ken­schei­ben, TomatenvierteI­chen, Oli­ven und Apfel­stü­cke, fer­ner als ein­ge­leg­te Cham­pi­gnons getarn­te Knob­lauch­ze­hen, diver­se Nüs­se und hin­ter­her rote Grüt­ze mit Vanil­le­so­ße und dann noch Kuchen, Kuchen und noch­mal Kuchen. Als Getränk wird reich­lich ein bei­na­he küh­les Bier (na­türlich das mit dem belieb­ten Schnapp­ver­schluss), sowie Weiß- und Rot­wein gereicht, aber auch Kaf­fee, Saft und Was­ser wer­den nicht verschmäht.

Dies alles muss natür­lich sehr gründ­lich vor­be­rei­tet wer­den, aber trotz der vie­len hier­mit ver­bun­de­nen Arbeit fin­den sie in ihrer kar­gen Frei­zeit immer noch die Mög­lich­keit zu einem äußerst fröh­li­chen und oft sogar recht lehrrei­chen Gedan­ken­aus­tausch. So hät­te ich, der ich bei­na­he immer direkt an der .Küchen­tür“ saß, nach einem äu­ßerst inter­es­san­ten län­ge­ren Dis­put über das Bepflan­zen von Vor­gär­ten im All­ge­mei­nen und im Beson­de­ren, mit Sicher­heit eine nicht all­zu schwe­re Prü­fung zu die­sem The­ma glän­zend bestan­den. Inzwi­schen seh­nen wir den Kilo­me­ter 74,5 her­bei, denn dort soll uns ein Stich­ka­nal auf Back­bord zum Kanu-Ver­ein Gütz­kow füh­ren, doch nie­mand hat uns gesagt, dass die Zu­fahrt zu die­sem Kanu-Ver­ein wirk­lich auch nur auf Kanus zuge­schnit­ten ist. In einem zwan­zig­mi­nü­ti­gen Kraft­akt zwän­gen wir unse­re Bar­ke unter Hin­terlassung einer brei­ten Schnei­se ge­knickten Schilf­rohrs mit anstrengen­dem Pad­deln und Sta­ken durch einen mehr als schma­len Schilfka­nal und kön­nen dann end­lich etwas erschöpft aber stolz auf unse­re Leis­tung neben dem Steg unse­re Bar­ke parken.

Das Abend­essen soll dann gleich um die Ecke im klei­nen Restau­rant von Frau Mül­ler ein­ge­nom­men wer­den. Als beson­de­re Spe­zia­li­tät emp­fiehlt sich hier die Cur­ry­wurst mit Brot nach Art des Hau­ses: die Wurst bereits in dün­ne Scheib­chen geschnit­ten und in der Frit­teu­se „gebra­ten“, eini­ge Trop­fen Ketch­up haben sich dis­kret unter zwei Wurst­schei­ben ver­steckt, aber ein grü­nes Blätt­chen auf dem Tel­ler­rand ver­leiht die­sem Gericht dann doch noch ein gewis­ses Flair und man kann es für gan­ze 1,08 €. erwer­ben. Das nen­ne ich dann eine knap­pe Kal­ku­la­ti­on. Das bestell­te Taxi bringt uns wie­der zurück ins Hotel nach Demmin.

Am nächs­ten Mor­gen liegt feuch­ter Nebel über dem Pee­ne­tal, der sich aber bis nach dem reich­li­chen Früh­stück wie­der gänz­lich auf­ge­löst hat und Platz für einen herr­lich blau­en Him­mel mit sehr schö­nen wei­ßen Wol­kengebilden macht. Wir zwän­gen un­sere Bar­ke durch den schma­len Schilf­kanal wie­der zurück auf das freie Was­ser der Pee­ne. 35 km bis nach Kamp am Klei­nen Haff wären heu­te zu be­wältigen. Die Son­ne brennt unbarm­herzig immer hei­ßer vom Him­mel und in uns wächst lang­sam aber unaufhalt­sam der Wunsch nach vor­zei­ti­gem Ab­bruch der heu­ti­gen Etap­pe. Fahrtenlei­ter Toni trägt sich wohl auch mit ähnli­chen Gedan­ken, denn bei Flusskilome­ter 92 hat er ein Ein­se­hen, lässt uns wen­den, zurück rudern und auf dem Was­ser­wan­der­rast­platz bei Anklam an Land gehen. Unter etwas wid­ri­gen Wind­be­din­gun­gen – wir dür­fen ja schließ­lich kei­ne der hier lie­gen­den noblen Motor­jach­ten beschä­di­gen – par­ken wir unser Schiff hier an einem frei­en Steg. Per Taxi geht es dann wie­der zurück ins schö­ne Hotel .Dern­mi­ner Müh­le“, wo wir uns im schat­ti­gen Bier­gar­ten als Dank für die­se sehr klu­ge Ent­schei­dung ein küh­les Eis spendieren.

Eigent­lich soll­ten ja auch am letz­ten Tag unse­rer bis­her so schö­nen Fahrt so ca. 14 km von Kamp am Klei­nen Haff zurück nach Anklam geru­dert wer­den. Aber ers­tens sind wir ja ges­tern gar nicht bis nach Kamp gekom­men, und zwei­tens ergibt eine nach­träglich ange­stell­te Berech­nung, dass wir – wenn wir heu­te noch rudern wür­den – erst ziem­lich spät nach Ber­lin zurück kämen. Also wird beschlos­sen, auch heu­te kein Rudern, dafür aber recht­zei­ti­ges Ver­la­den der Bar­ke und Abfahrt nach Ber­lin. Dort Bar­ke blitz­blank säu­bern und abstel­len, Küchen­res­te ver­til­gen oder ver­tei­len und noch ein Ab­schiedsbier trin­ken, wobei natür­lich nicht ver­ges­sen wird Toni und Doris Kirch­ner für die schö­ne Fahrt und die tol­le Orga­ni­sa­ti­on sehr herz­lich zu danken.

Horst Störk

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